wpSEO ist ein WordPress-Plugin für die Suchmaschinenoptimierung.

Der Urheber des Plugins Sergej Müller hat angekündigt, dass wpSEO ab der aktuellen Version 2.5 nicht mehr kostenlos sein wird. Zwischen 19,99 und 99,99 Euro werden an Lizenzgebühren bei Nutzung zu kommerziellen Zwecken fällig.

Die Folgen: Die Anwender jammern schon wieder wegen der Missachtung des Community-Gedankens (so als ob nur ein hungernder Programmierer ein guter Programmierer wäre), denken über Raubkopien nach, oder aber gönnen Müller den verdienten Lohn für seine Arbeit.

Wonach bisher niemand fragte: Ist dieser Schritt von Sergej Müller überhaupt zulässig?

Ich denke: Nein. Meiner Meinung nach verletzen die neuen Lizenzbedingungen von wpSEO die WordPress-Lizenz in mehreren Punkten.

Welche Lizenz erhält der wpSEO-Lizenznehmer?

Nutzung zu “kommerziellen Zwecken” – wie darf man das verstehen? Sergej Müller definiert das so:

Arbeiten Sie im Kundenauftrag oder erwirtschaften Einnahmen mit eigener Webseite, auf der das wpSEO-Plugin ab Version 2.5 zum Einsatz kommen und gewinnbringende SEO-Aufgaben übernehmen soll, so ist eine Lizenzgebühr in Form einer einmaligen Pauschale zu entrichten.1

Der Zweck von SEO-Aufgaben ist im Regelfall, Gewinn zu bringen – was sonst? Eine kommerzielle Nutzung entsteht daher schon bei einem privaten Blog, der einen einzigen Cent aus AdSense-Werbung einnimmt.

Die beliebte Ausflucht von Webmastern, dass die Werbung doch nur die Serverkosten tragen sollte, zieht hier nicht: Sergej Müller spricht nicht von Gewinnen, sondern von “Einnahmen”. Ob diese Einnahmen höher als die Ausgaben sind und damit zu Gewinnen führen, hat keine Auswirkung.

Die Höhe der gestaffelten Gebühr hängt von der Zahl der Websites ab, auf denen der der Lizenznehmer wpSEO einsetzt. Gegen eine höhere Gebühr werden auch Hinweise auf wpSEO aus dem generierten Quelltext entfernt.

Dem Lizenznehmer wird das Recht zum Weiterverkauf oder zur Bearbeitung des Plugins verwehrt:

Kein Weiterverkauf, keine Modifizierung des Codes. Es wird ein unbefristetes Nutzungsrecht eingeräumt.1

WordPress-Plugins unterliegen der GPL

Die von WordPress verwendete GPL sagt recht deutlich, dass auf WordPress basierende Werke verpflichtet sind, die selbe Lizenz wie WordPress zu verwenden:

…when you distribute the same sections as part of a whole which is a work based on the Program, the distribution of the whole must be on the terms of this License, whose permissions for other licensees extend to the entire whole, and thus to each and every part regardless of who wrote it.2

wpSEO basiert auf Teilen von WordPress wie zum Beispiel der von WordPress verwalteten Datenbank, den WordPress-Funktionen für den Datenbankzugriff und den von WordPress bereitgestellten Funktionen für die Darstellung der Plugin-Optionen im Dashboard.

Der Kerngedanke freier Software ist, dass sich das Lizenzmodell wie ein Virus verbreitet und abgeleitete Arbeiten “infiziert”. So wird verhindert, dass Add-Ons wie eben WordPress-Plugins auf der einen Seite von den Vorteilen freier Software profitieren, andererseits aber selbst unter restriktiveren Lizenzmodellen weiter verbreitet werden.

wpSEO unterliegt daher nach meiner Auffassung der von WordPress verwendeten GPL.

Ein weit verbreiteter Irrtum ist, dass freie Software auch kostenlos zugänglich sein muss. Das ist nicht richtig – man darf laut GPL Gebühren für die physische Verteilung oder für die Gewährung von Garantien verrechnen:

You may charge a fee for the physical act of transferring a copy, and you may at your option offer warranty protection in exchange for a fee.2

Nach Nutzungszahl gestaffelte Gebühren

Ein Plugin-Programmierer kann also mit gutem Recht für die Bereitstellung seines Plugins Geld verlangen. Allerdings denke ich, dass die Gebühr nicht davon abhängen kann, wie oft ein ein Mal heruntergeladenes Plugin eingesetzt wird – der “physical act of transferring a copy” entfällt ja bei jeder weiteren Nutzung.

Eingeschränkte Rechte auf Weiterverbreitung und Bearbeitung

GPL-lizenzierte Software, und damit alle auf WordPress basierenden Plugins, darf verändert und im veränderten Zustand weiter verteilt werden:

You may modify your copy or copies of the Program or any portion of it, thus forming a work based on the Program, and copy and distribute such modifications or work under the terms of Section 1…2

Ich denke, dass jeder Nutzer eines Plugins daher das Recht hat, den Code zu verändern und eine geänderte Fassung weiter zu verbreiten. Eine gegenteilige Einschränkung entspricht meiner Meinung nach nicht der GPL.

Muss ein Plugin-Programmierer verhungern?

Gerechten Lohn für die mühsame Arbeit an Open-Source-Software zu erhalten scheint unter diesen Bedingungen recht schwierig zu sein. Ich kann als Mitglied im Entwicklungsteam von Textpattern ein Lied davon singen, wie langwierig die Suche nach einem motivierenden Geschäftsmodell sein kann.

Eines ist fix: Lizenzgebühren sind ein kaum erfolgversprechender Weg. Was sind gangbare Alternativen?

  • Dienstleistung im Umfeld des Produkts: Die kostenpflichtige Entfernung der wpSEO-Brandings geht in diese Richtung. Hier wird eine Dienstleistung gegen Geld angeboten, die nicht der GPL des Produkts unterliegt. Auch ein kostenpflichtiges Supportangebot oder der Zugang zu einem Supportforum gegen Geld ist denkbar.
  • Kostenpflichtige Dokumentation: Im Gegensatz zur Software ist die Dokumentation üblicherweise frei von Bestandteilen das Basisprodukts und kann daher unter einer nicht-freien kostenpflichtigen Lizenz verbreitet werden.
  • Freiwillige Spenden: Die Erfahrung zeigt, dass nur ein sehr geringer Teil der Softwarenutzer auch freiwillig spendet. Ein tragfähiges Einkommen aus Spenden erreichen daher nur Autoren, die ein wirklich weit verbreitetes Produkt anbieten. Ansonsten gilt der gute alte Spruch des MODxCMS-Vaters Ray Trash: “Donations is not a business model.”
  • Monetarisierung der Projektwebsite: Geschenke sind schon zu Zeiten der alten Trojaner ein Mittel gewesen, um ein hintergründiges Ziel zu erreichen. Websites mit einem kostenlosen Downloadangebot ziehen Mengen an Links (dieser Artikel ist ein Beispiel dafür) und Besuchern an – das ist in Zeiten der Google-Ökonomie so gut wie echtes Geld. Meiner Meinung nach ist das einer der besten Ansätze, weil er ebenso wie der Verkauf von Softwarelizenzen sehr gut skaliert: Die Last beim Programmierer hängt im Gegensatz zum potentiellen Einkommen nicht von der Zahl der Softwarenutzer ab.

Konsequenzen

Die Verletzung der WordPress-Lizenz hat meines Erachtens keine unmittelbaren Auswirkungen: Weder Automattic noch die Free Software Foundation werden Aktionen setzen, wenn ein einzelnes Plugin gegen die Lizenz verstößt. Andererseits hat auch Sergej Müller kaum eine Handhabe gegen Anwender, die seine Bedingungen nicht einhalten.

Selbst einer unautorisierten Weiterverteilung kann er meiner Meinung nach nur tatenlos zusehen – auch der Name “wpSEO” ist ein derart unspezifisches Akronym für WordPress Search Engine Optimization, dass sich darauf wohl kaum Rechte begründen lassen. Allenfalls hätte Automattic als Eigentümer der Marke “WordPress” die Hand drauf.

Disclaimer: IANAL.

1 Lizenz für kommerzielle Nutzung des wpSEO-Plugins.

2 Lizenz für WordPress.

16. April 2008, 10:18 − Abgelegt in

Kommentare

Und wie sieht es aus mit WordPress-Themes? Da gibt es ja nun genug, die kostenpflichtig sind. Setze selber eines ein.

ad · 16. April 2008, 13:00 · #

Meiner Meinung nach ist das so:

Ein WordPress-Theme wird in der Regel der GPL unterliegen, da es auf Code aus WordPress basiert: Datenbankzugriffe, die Loop-Funktion, tausend andere WordPress-Bestandteile werden vom Theme-Programmierer verwendet.

Ob ein Theme kostenpflichtig ist oder nicht, wird von der GPL nicht bestimmt – wie oben erwähnt können Gebühren für den physischen Transfer verlangt werden.

Wesentlich ist: Ein unter der GPL lizenziertes Werk darf verändert werden, und es darf weitergegeben werden. So darfst du also ein Theme (eventuell kostenpflichtig) downloaden, umbauen und dann weiterverteilen. Diese Rechte räumt dir der Urheber via GPL ausdrücklich ein.

Nicht unbedingt erlaubt ist es dir, dein Theme unter dem selben Namen wie das Ursprungswerk zu verbreiten: Das Markenrecht oder Namensrecht wird ja durch die Lizenzeinräumung nicht berührt.

NB: IANAL.

Robert · 16. April 2008, 13:13 · #

Ich finde es eigentlich auch schade, dass das Plugin jetzt etwas kosten soll. Setzte es selber ein, muss allerdings nichts zahlen, weil mein Blog keine Einnahmen macht. Werde aber trotzdem auf eine Alternative wie AllinOneSEO umsteigen, denn irgendwann werde ich sicherlich Werbung einbauen.

Bin nach dem lesen deines Beitrages der Meinung, dass es nicht in Ordnung geht, was Herr Müller da macht. Andererseits finde ich es okay für eine Leistung auch Geld in Anspruch zu nehmen.

Also wer nicht bezahlen will, soll einfach zu den Alternativen wechseln, sind genauso gut.

Gruß,
Roman

— Roman · 16. April 2008, 14:24 · #

Hallo Robert,
hast Du den Autoren des Plugins mal um eine Stellungnahme gebeten wie er die Sache sieht?

Kleiner Feature-Wunsch:
Abonnement-Option für Anworten ;-)

André Wegner · 16. April 2008, 16:56 · #

André, eine Stellungnahme des Plugin-Autors habe ich bisher nicht eingeholt.

Eine Diskussion über Open Source und wie man Autoren für Arbeiten im Rahmen der GPL gerecht entlohnt kann ja hier stattfinden, falls ein Plugin-Autor etwas dazu beitragen möchte.

Und weil ich ja selbst Autor einer recht umfangreichen Kollektion von Plugins für Textpattern bin, bringe ich dazu mal meine Position ein:

Durch die Software selbst ist schwerer was zu verdienen als durch Nebeneffekte wie höhere Bekanntheit, bessere Reputation und ein Netzwerk, das sich aus dem ergibt. Mein Plugins sind daher kostenlos und bleiben das auch.

Robert · 16. April 2008, 17:18 · #

Bei Wordpress Themes ist es m. A. nach ein wenig anders, da in diesem Fall hauptsächlich die grafische/kreative Arbeit vergütet wird und nicht das geschriebene HTML/CSS. Und die kreative Leistung steht ja nicht unter der GPL sondern unterliegt dem Urheberrecht.

Tobi · 16. April 2008, 21:11 · #

Tobi, die GPL hebt das Urheberrecht nicht auf (das kann keine Lizenz), sondern regelt nur die vom Urheber an den Lizenznehmer erteilten Rechte zur Nutzung, Veränderung und Verbreitung.

WordPress-Themes bestehen meistens sowohl aus der Präsentation (HTML, CSS) als auch aus der Logik (Template-Code) und der Benutzerschnittstelle in der Administrationsoberfläche (Optionen).

Insofern benutzen WP-Themes die Basisfunktionen von WordPress in ähnlichem Ausmaß wie Plugins, ich sehe keine prinzipiellen Unterschiede.

Robert · 17. April 2008, 06:20 · #

Die GPL sagt nichts darüber aus ob für das Programm Geld verlangt werden darf. Die zitierten Stellen, dass für die physikalische Verbreitung Geld verlangt werden kann, ist nur ein Hinweis auf ein mögliches Geschäftsmodell.

Im Grunde bestimmt die GPL nur, dass wenn ein GPL Programm weitergegeben wird, der Empfänger 1. Anspruch auf den Quellcode und 2. Anspruch auf die freie (z.B. veränderte) Weitergabe hat. Die Weitergabe muss aber immer unter der GPL passieren.

Die GPL zwingt aber niemanden den Code zu veröffentlichen und es darf für die Veröffentlichung Geld verlangt werden. Gibt der Empfänger den Code dann aber kostenlos weiter, kann der Programmierer nichts dagegen unternehmen.

Andreas · 17. April 2008, 12:24 · #

Wo ist das Problem? Jeder will das Plugin nutzen, aber keiner will dafür zahlen. Das da viel Arbeit in der Entwicklung steckt und sich da jemand viel Mühe gibt muss man auch bedenken. Zumal das Plugin wirklich sehr gut ist und dem ein oder anderen einige Besucher mehr bringt, was sich gerade bei kommerziellen Seiten auszahlen dürfte. Da kann man auch mal in die Tasche greifen und was dafür bezahlen.

— Oneside · 27. April 2008, 11:35 · #

@ Andreas
Ja da hast du schon Recht. Wordpress ist eine Open Source Software die genaue Regeln für die Verteilung hat. Das sollte auch so bleiben. Wenn es ihm zu viel Arbeit ist, soll er mit dem Plugin einfach aufhören. Erst als Freeware verteilen und anschließen abzocken ist ein Witz.

— Chris · 2. Juni 2008, 22:20 · #

wpSEO ist weiterhin Freeware – solange der Blog nicht kommerziell und nicht mit Werbung ausgestattet ist. Keiner zwingt einen das Plugin zu kaufen: Jeder, der der Meinung ist, seine Blogseiten können SEO vertragen, macht es dann entweder händisch oder steigt auf kostenlose Plugins um. Kommt immer auf die Ansprüche an.

Sergej Müller · 6. August 2008, 16:25 · #

“Nicht kommerziell” ist natürlich sehr vage. Ich denke, sehr viele Freelancer oder kleine Agenturen haben neben Ihrer klassischen Firmenwebseite einen Blog, z.B. auf Wordpress Basis. Diese Gruppe würde ja auch unter die kommerzielle Nutzung fallen. Ferner glaube ich, daß die verbleibenen, privaten “Spaß-Blogs” aber kein SEO machen. Insofern ist Freeware bei privater Nutzung zwar richtig ausgedrückt, praktisch aber kaum oder nicht vorstellbar. Das Plugin einfach generell kostenpflichtig zu machen, wäre wahrscheinlich ehrlicher.

Andreas · 29. September 2008, 14:52 · #

Ich finde es nicht schlimm was Sergej macht. Programmierer werden sowieso ausgebeutet. Und auf freiwillige Spenden von Benutzern kann man meist vergebens warten. Wer also mit seinem Blog Geld verdienen möchte soll doch auch gefälligst gewillt sein für die Arbeit von anderen zu zahlen. Ansonsten soll derjenige sich selbst ein Plugin programmieren.

Kai H. · 29. Juni 2012, 14:29 · #

Du sitzt da doch einigen Missverständnissen in Bezug auf die GPL auf. Daher sind auch deine Schlussfolgerungen leider falsch.

Themes und Plugins müssen nicht wie WordPress selbst der GPLv2 oder später unterliegen, auch wenn sie Funktionen von WordPress nutzen. Die GPL schreibt das nur vor, wenn libs statisch gelinkt werden. Plugins und Themes werden dagegen dynamisch geladen und fallen somit nicht unter diese Regelung. Plugins und Themes sind auch KEINE “Auf WordPress basierenden Werke” (Derived Works) im Sinne der GPL und dürfen daher einer beliebigen Lizenz unterliegen. “Derived Works” sind lediglich Werke, die direkt Code aus dem WordPress-Core enthalten. Wenn jetzt also jemand den WordPress-Core nimmt und ihn oder Teile davon zu einem eigenen Blogsystem umschreibt, DANN ist es ein “Derived Work” im Sinne der GPL und muss ebenfalls der GPL unterliegen. Ein Theme oder Plugin dagegen greift nur auf Funktionen, die aus dem Code von WordPress hervorgehen, zu. Und dieser Fall ist von der Viralität der GPL explizit nicht abgedeckt. Daher kann Sergej Müller jede beliebige Lizenz für sein Plugin nehmen und die Nutzungsbedingungen gestalten, wie er lustig ist.

Ob das im Sinne der Ideologie der freien Software gut ist, ist natürlich eine andere Frage. Ich meine nein. Ich finde, dass man auch in Plugins und Themes den Gedanken freier Software verfolgen sollte, wenn man seine Arbeit schon auf freier Software aufbaut. Aber eine GPL-Verletzung liegt in diesem Falle definitiv nicht vor.

Noch eine Aussage von dir ist m. E. falsch. Du schreibst in einem Kommentar “Ein WordPress-Theme wird in der Regel der GPL unterliegen, da es auf Code aus WordPress basiert”. Nein. Denn Themes sind – auch wenn sie etwas PHP-Code enthalten – keine Software, und die GPL ist sinnvoll nur auf Software anwendbar. Für Themes als Gestaltungselemente werden daher gern CC-Lizenzen verwendet.

Alexander Schestag · 7. August 2012, 14:17 · #

Alexander,

ich bin mit meiner Meinung nicht ganz allein:

Mark Jaquith, WordPress-Entwickler bei Automattic, meint auch, dass Themes eine von WordPress abgeleitete und damit der GPL unterliegende Software sind.

Matt Mullenweg hält Marks Meinung für eine exzellente technische Analyse.

Das Standardtheme von WordPress 3.4 “TwentyEleven” enthält 2.184 NLOC in den PHP-Dateien. TwentyTwelve für WordPress 3.5-alpha hält derzeit bei 1.007 NLOC.

Das schaut zumindest für mich aus wie Software. Nicht sehr komplexe Software, das ist klar, aber sicher mehr als ein reines “Gestaltungselement”.

Zum Vergleich: wpSEO 2.5 hat 2.343 NLOC, liegt also rein vom Code-Umfang her in der Größenordnung eines Standard-WordPress-Themes.

Robert · 7. August 2012, 15:10 · #

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